Auf ein Bier mit der Partnerin meines Partners

Letzte Woche habe ich eine Partnerin meines langjährigen Partners kennengelernt – nennen wir sie Samira. Die beiden kennen sich schon eine Weile und mögen sich sehr. Irgendwann meinte mein Partner, dass Samira mich gerne kennenlernen würde. Er gab mir ihre Nummer und wir verarbredeten uns an einem Samstagnachmittag in einem Café – ohne ihn.

Ich kann gar nicht genau sagen, was ich erwartete. Da ich eine sehr transparente Kommunikation mit meinem Partner pflege und ich durch die Beziehung mit Samira keine akute Bedrohung in Bezug auf unsere Beziehung empfinde, war ich hauptsächlich neugierig darauf, was für ein Mensch Samira ist und ob wir uns verstehen. Ausserdem wollte ich ihr mitteilen, wie schön ich es finde, dass mein Partner und sie eine so schöne Zeit zusammen geniessen. Ich wollte ihr meine Wertschätzung ausdrücken und wünschte mir, dass die Tatsache, dass wir beide den selben Mann sehr mögen, uns verbindet.

Samira und ich setzen uns hin, bestellen, und beginnen uns zu unterhalten. Sie trägt eine modische, schmalrandige Brille, die mir gefällt. Sie hat einen ruhigen Blick und ihre Stimme ist sanft. Unsere Unterhaltung ist erfrischend offen und wir sprechen bald über ziemlich persönliche Themen wie Familienplanung, polyamores Leben und Eifersucht. Wir diskutieren, was für uns persönlich manchmal schwierig ist und erzählen uns von den weiteren Partnerschaften, die wir führen.

Wir sprechen darüber, dass wir uns eine Welt wünschen, in der Frauen sich nicht vergleichen und konkurrieren müssen, um den Selbstwert erhalten zu können. Eine Welt in der sich Frauen nicht als Bedrohung, sondern als Mitstreiterinnen in gleicher Sache sehen können. Dass Frauen einander eigentlich sehr viel zu geben haben. Während des Gesprächs habe ich das Gefühl, dass wir beide froh über diese gemeinsame Einstellung sind.

Samira sagt, sie sei nervös gewesen vor diesem Treffen. Ich kann das sehr gut verstehen. Ich bin selbst ein wenig überrascht, wie wenig aufgeregt ich war – und wie angenehm ich diese Begegnung finde. Ich glaube es ist die gegenseitige Wertschätzung, welche die potentielle Bedrohung aus der Situation nimmt.

Wir rauchen eine letzte Zigarette zusammen und ich sage ihr, dass ich es schön finde, dass sich die Wege von ihr und meinem Partner gekreuzt haben.

Wir zahlen, bedanken uns beieinander, umarmen uns und gehen.

Ich finde dieses Szenario rückblickend immernoch etwas surreal. Es war sehr angenehm und ich konnte mich gut auf die Situation einlassen – und das, obwohl ich mich doch oft mit anderen Frauen vergleiche und mich minderwertig fühle. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich es mir auch vorstellen könnte zu dritt etwas zu unternehmen. Ich habe nicht den Anspruch, dass Samira und ich jetzt dicke Freundinnen werden. Dennoch verbindet uns die Tatsache, dass wir die gleiche Person in unseren Leben haben möchten und uns somit automatisch irgendwie nahe stehen.

Danke für deine Offenheit Samira. Bis bald mal.

Erfahrungsberichte


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Viola

Will sich bewusst dafür entscheiden, welche Denkmuster sie in ihrem Leben anwendet. Ist Feministin und möchte nie aufhören sich zu überdenken. Fühlt viel und gerne. Liebt neue Ideen, empathische Menschen, gute Bücher, sinnliche Berührungen und philosophische Gespräche bei einem Glas Wein.