Meine Kamera, mein Auto, meine Partnerin.

Kürzlich bin ich einem Fluss entlang spaziert und an zwei spielenden Buben vorbeigekommen, die sich im knietiefen Wasser stromaufwärts kämpften. Der eine hatte sich bereits einen Vorsprung von ein paar Metern erarbeitet und fischte mit seinen Händen im Wasser herum. «SCHAU MAL MEINE KRASSEN ALGEN!» rief er seinem Spielkameraden zu – eine Hand voll grün-schleimiger Fäden triumphal ‚gen Himmel gereckt. Das Flusswasser triefte noch den abgerissenen Ranken entlang, die sich bereits um seinen Unterarm geschlungen hatten. Stolze Körperhaltung, sicherer Stand und auffordernder Blick. Als hätte er soeben dem Anführer der aufständischen Algenminderheit den Kopf abgerissen und wollte nun dem Kameraden – und dem gesamten Flussbett – seine uneingeschränkte Herrschaft in Erinnerung rufen.

Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Einmal kurz mit der Hand in den Fluss gefasst, entriss der Kamerad dem friedlich strömenden Gewässer seinen eigenen Herrschaftsbeweis und rief: «MEINE ALGEN SIND NOCH VIEL KRASSER!» Damit war der Kleinkrieg um das Flussbett scheinbar erklärt und die beiden Streitmächte fingen kreischend an, sich gegenseitig mit Algen zu bewerfen.

Ich ging mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen daran vorbei und stellte mir vor, dass diese Kinder in wenigen Jahren bereits unsere nächsten Politiker, Hausärzte oder Anwälte sein werden. Glücklicherweise werden sie bis dahin ihre primitiven Machtansprüche überwunden haben und zu anständigen, schmunzelnd-spazierenden Bürgern geworden sein. Oder?

Der nagende Zweifel, dass wir möglicherweise alle noch Kinder sind, die im Flussbett ihre Algenbündel als Herrschaftsbeweis hochhalten, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit im Fluss des Lebens (see what I did there?), die Hand ‚gen Himmel zu recken und zu rufen: Schau mal mein krasses Auto! Schau mal mein krasses Haus! Meine krasse Digitalkamera! Meine Firma! Mein Designertisch!

Und; schau mal, meine krasse Partnerin!

Ich befürchte, was bei Kindern noch so offensichtlich ist, zeigt sich auch bei erwachsenen Menschen noch. Bis dahin haben wir den Spielkameraden zwar längst hinter uns gelassen. Aber der Drang, sich etwas zu eigen zu machen, um anderen (oder manchmal wohl auch sich selbst) etwas zu beweisen, lässt uns nicht ganz los.

Ich zumindest fühle immer mal wieder diesen Reflex, etwas besitzen zu wollen. Kaum sitze ich beim Nachbarn im Garten, will ich dieselbe (krasse) Feuerschale auch haben. Und den stilvollen Mantel meines Mitarbeiters. Und das Elektrobike des Verwandten. Klar, sind auch alles mehr oder weniger nützliche Dinge. Aber ich will sie auch haben, weil sie Status vermitteln und mich näher an meine gewünschtes Selbstbild bringen. Durch den Besitz einer Sache erhalte ich Anteil (und Zugriff) auf dessen Wirkung.

Ist ja per se auch mal nix dran auszusetzen. Doch ich merke denselben Reflex, wenn ich mit einer Person die ich mag bei einem Glas Wein in der Sonne liege, sie mit mir leicht bekleidet über die Promenade spaziert, oder ich ihr in die Nippel beisse. Das Bedürfnis, diesen bezaubernden Menschen in irgendeiner Form zu besitzen. (Jaja, klingt altertümlich. Nennen wir’s eben binden.) Mir den Zugriff zu sichern, einen Anspruch zu erheben und den verinnerlichten und tatsächlich anwesenden Personen zu rufen: Schaut mal meine krasse Partnerin!

Spoiler: Natürlich gibt es auch noch andere Gründe, sich gegenseitig zu binden. Angeberei Selbstbestätigung ist sicherlich nicht alleiniger Verursacher für die verschiedenen Formen von Beziehungsversprechen. Geteilte Verantwortung, langfristige Planung oder auch einfach gegenseitige persönliche Präferenz sind einige sehr gute Gründe eine langfristige Bindung einzugehen.

Problematisch an der genannten Motivation ist aber, dass im Unterschied zu einer Digitalkamera oder einer Feuerschale, der Mensch ein Eigenleben hat. Und wenn ich darauf angewiesen bin, durch die Beziehung meine Herrschaft – a.k.a. meinen sozialen Status, Selbstwert oder gar psychische Stabilität aufrecht zu erhalten, verhindere ich automatisch seine Entwicklung. Denn sein Beitrag zu meinem Selbstverständnis ist einkalkuliert und droht er sich zu verändern, werde ich mich beraubt fühlen – für etwas, dass mir gar nie gehört hat.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich die Idee der Polyamorie mag. Verlockende exklusive Besitzansprüche an das Gegenüber sind oft im Vorweg schon ausgeschlossen – oder es ist zumindest allen klar, dass diese gründlich ausgehandelt werden müssen. Die Beteiligten sind sich oft auch gewohnt, über vermeintliche Selbstverständlichkeiten klar zu kommunizieren, weil ihnen die eigene Autonomie lieb ist.

Natürlich ist es aber auch möglich, in Mehrfachbeziehungen einfach alle Schwierigkeiten zu vermehrfachen – ist aber definitiv nicht die Idee..


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Barry

Sucht fortlaufend herausfordernde bereichernde Erfahrungen, die den eigenen Horizont erweitern. Ist sich ziemlich sicher, dass Normen nur Erklärungshilfen und keine Gebrauchsanweisungen sind. Mag starken Kaffee in der Morgensonne, aufrichtige Menschen, schlaue Hörbücher, guten Sex und wie der Wind über grasige Landschaften zieht.