Eifersucht & Einsamkeit

Mein Partner hat ein Date, mein Freund will gerade keinen Besuch, mein Selbstwert ist eh gerade etwas angeschlagen und ich erwisch‘ mich am Abend mal wieder beim Nägelkauen, mit starrem Blick in die Leere. Irgendwann setzt die Realisierung ein, dass ich wohl gerade ziemlich eifersüchtig bin.

Ich dachte oft, dass mir das nie passiert. Und dann plötzlich bemerke ich, dass ich angespannt, gereizt und ungeduldig bin. Ich fühle mich unendlich alleine, verlassen und einsam. Jegliche Versuche dieses Gefühl frühzeitig zu stoppen schlagen fehl. Es überkommt mich wie eine Gewitterfront und überschattet mein gesamtes Erleben. Die Gedankenkreise nehmen Fahrt auf: Warum fühle ich mich gerade so alleine? Wird das jemals wieder anders sein? Werde ich jemals wieder glücklich sein? Werde ich jemals wieder geliebt werden? Hallo? Kann mich bitte jemand in den Arm nehmen und mir sagen, dass ich einen Wert habe? Das alles gut wird? Das ich nicht alleine sterben werde? Wie komme ich denn jetzt hier wieder raus?!

Ich versinke in Gefühlen der Ohnmacht, Kraftlosigkeit und Angst vor der Zukunft. Nichts fühlt sich mehr gut an. Farben verblassen, Essen ist fad, Schönheit gibt’s nicht und mich selbst mag ich schon gar nicht. Die erweckten Gefühle schaufeln den Gedankenkreisen fortlaufend Nahrung zu und lassen sie ein irrationales alles verschlingendes Mass annehmen. Mein sonst so rationales Ich hat sich inzwischen kauernd in die Ecke verzogen und fürchtet um seine Vernunft. Ist das wirklich das Leben, dass ich haben will? Ertrage ich das auf Dauer?

Durchatmen. Orientieren. (Kalt duschen hilft auch.)

Die Notwendigkeit der Einsamkeit

Unter der Eifersucht liegt (zumindest bei mir) die Angst verlassen zu werden. Einsam zu sein. (Ich mag Einsamkeit, wenn ich sie aktiv suche, aber nicht in Zeiten in denen ich schwach bin.) Über die Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt mit diesem Gefühl der Einsamkeit und Leere, ein notwendiger Kontrast darstellt um die Zweisamkeit überhaupt wahrzunehmen. Die Intensität und Schönheit der Begegnung mit einem lieben Menschen erhält ihre Kontur erst durch die Abgrenzung zur Einsamkeit. Und diese Pendelbewegung hilft, um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Sie rückt die Dinge wieder in die richtige Perspektive und lässt mich die Gesellschaft von lieben Menschen würdigen und umfassend fühlen. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Zumindest nicht für mich.

Die Einsamkeit, ist die notwendige Pause zwischen den Noten, um diese überhaupt hörbar zu machen. Erst die Leere, vermag Dinge mit Form und Kontur hervorbringen.

Im Moment bleiben

Der Verstand hat den Reflex schwierige Gefühle auszublenden oder rasch möglichst abzuwenden. Er sucht dann oft nach Halt in der Zukunft. Nach Situationen die bessere Gefühle versprechen. Er will raus aus diesem Moment. Oder er sucht nach Ablenkung. Alles ist recht, solange es verhindert diese Einsamkeit in ihrer ganzen Wucht zu spüren. Doch darin liegt ein grundlegendes Problem. Denn das Leben findet jetzt statt. Wer seinen Verstand darin trainiert, sich ständig in der Zukunft aufzuhalten und bessere Situationen herbeizuwünschen, der wird niemals ankommen. Denn derselbe, trainierte Verstand, wird sich dann auch in angenehmen Situationen bereits wieder mit der Zukunft auseinandersetzen – dann allerdings mit deren drohendem Verlust. Aber er wird nie im aktuellen Moment ankommen. Also durchatmen. Fühlen. Vertrauen. Akzeptieren. Den Verstand erinnern im Moment zu bleiben und diesen zu gestalten, auch wenn es schwierig ist.

Teil des Ganzen

Manchmal erwacht aus der Eifersucht der Reflex, meinen Partner einschränken zu wollen. Einfach, damit ich nicht in Kontakt komme mit diesen Gefühlen. Oder der Wunsch, gar nicht zu wissen was er macht und wo er gerade ist. Dahinter liegt bei mir die Angst, dass ich von etwas weniger erhalten werde, wenn mein Partner es auch anderen Menschen gibt. (Und der Denkfehler, dass sich etwas verändert, nur weil ich davon weiss.) Aber Tatsache ist, dass ich meinen Partner ja gerade deshalb mag, weil er so verschwenderisch liebt. Weil er so spontan und wild ist. Weil er seinen eigenen Weg geht. Im Versuch, ihn zu zähmen, nehme ich ihm seine inspirierende Lebendigkeit – die ich am meisten liebe. Ich besinne mich darauf, dass es ein Privileg ist, diesen bewundernswerten Menschen von Zeit zu Zeit in meinem Leben haben zu dürfen. Das sich unser beider Geschichten, auf diesem kleinen Planeten inmitten eines endlosen Universums, gekreuzt haben. Die Dankbarkeit darin fühlen und durchatmen.

Die Chance sehen

Schwierige Gefühle sind Chancen zu wachsen. Einerseits eröffnen sie uns einen tieferen Zugang für emphatische Begegnungen mit unseren Mitmenschen. Ich bin nicht der einzige Mensch, der so fühlt und wenn ich diese Gefühle zulasse, werde ich sie auch wieder erkennen wenn sie jemand anders erfährt. Das ist wertvoll. Andererseits ist insbesondere die Eifersucht oft auch ein Wegweiser für die eigenen, unbefriedigten Bedürfnisse. Übernehme ich genug Verantwortung für mich selber? Oder versuche ich durch jemand anders hindurch zu leben und bin eifersüchtig, wenn er mir dies mal verwehrt? Erwarte ich von jemand anderem, dass er mir etwas gibt, was ich mir eigentlich selber organisieren (oder geben) sollte? Müsste ich meine eigenen Prioritäten allenfalls etwas anpassen um weniger in solche Situationen zu kommen? Verweigere ich mich der Realität? Schlussendlich bin ich selber zuständig (und fähig) mein Leben so zu gestalten, dass ich möglichst zufrieden bin. Ich kann Bücher dazu lesen, Vorträge schauen, kluge Menschen fragen und vor allem – mutig sein die Sache anzugehen. Darüber zu reden. Mich sichtbar zu machen und mich aktiv darum zu kümmern.

Vertrauen

Das Leben geht weiter. Es geht immer weiter. Ich bin (glücklicherweise) nicht in Kontrolle über den Lauf der Dinge. Niemand weiss was Morgen kommt. Vielleicht wird es erneut schwierig sein, vielleicht auch nicht. Vielleicht wird es besser – oder gar viel besser! Das einzige was ich tun kann ist offen zu sein für meine Umwelt. Offen zu sein für neue Erfahrungen. Solange noch Atem in mir ist darf ich fühlen, gestalten und mich erleben. Und das schliesst auch Zeiten mit schwierigen Gefühlen mit ein. Alles was ich habe ist jetzt.

Ich geh mir jetzt Badewasser einlassen, hole mir ein gutes Buch und ein Glas Wein. Wäre schade um die verlorene Zeit.

Eifersucht, Erfahrungsberichte


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Yanna

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