Normalisieren bitte

Beim Toilettengang nichtsahnend nach unten geschaut und mal eben komplett aus dem Alltag gerissen worden. Ich habe mich selber noch ‚Oh nein, oh nein‘ sagen hören, da tasteten sich meine Finger bereits über die vielen kleinen, aber prall gefüllten Bläschen, links und rechts vom Hodensack. Mein Verstand raste und ging im Bruchteil von Sekunden die aktuellen Sexualpartner durch. Hatte ich etwas beobachtet? Hat jemand etwas gesagt? Hat jemand nichts gesagt der etwas hätte sagen sollen? Und; was um alles in der Welt ist das hier und wie werde ich es rasch möglichst wieder los!?!?

An jeder anderen Stelle meines Körpers hätte ich sowas ohne grosse Aufregung einfach mal zu Kenntnis genommen und etwas beobachtet. Aber das? Für mich schon fast ein Notfall. Hausarzt angerufen, Termin gemacht, Probe genommen und eingeschickt. Verdacht auf Herpes Simplex Typ 2 – ein Verwandter des Fieberbläschens an der Lippe, einfach weiter unten. Hochansteckend (wenn aktiv) und ein Leben lang damit infiziert. Nun drei Tage auf die Resultate warten.

Gott habe ich gelitten! Innerlich habe ich mich bereits damit abgefunden nie mehr Sex zu haben und als Aussätziger von der gesammelten Gesellschaft aus der Stadt verbannt zu werden. Aber warum eigentlich? Was macht Herpes zwischen den Beinen soviel schlimmer als Herpes im Gesicht. Warum weiss ich von fast niemandem aus meinem Bekanntenkreis über deren Geschlechtskrankheiten Bescheid? Alles andere beklagen wir ja auch – und oft nicht zu knapp. (Und statistisch sollten definitiv mehr Leute um mich herum Geschlechtskrankheiten haben als mir bekannt ist.) Und warum weiss ich selber so wenig über Geschlechtskrankheiten?

Das Resultat bringt die (inzwischen unerwartete) Erleichterung. Es handelt sich um etwas gar aggressive Haarfollikel (Entzündung an der Haarwurzel) die sich relativ einfach behandeln lassen. Zwei Wochen Salben, dann sind sie wieder weg. Aber der Schreck ist definitiv geblieben. Ich habe mir noch am selben Tag ein Stapel Bücher zum Thema bestellt und setze mich seither intensiv mit dem Thema auseinander.

Und; ich habe allen Mut zusammengenommen und angefangen mit meinem Umfeld darüber zu reden. (Mit meinen Sexualpartnern natürlich auch). Und siehe da – fast alle hatten eine eigene Erfahrung mit dem Thema Geschlechtskrankheiten. Und viele haben zum ersten Mal überhaupt davon erzählt.

Liebe Mitmenschen. Lasst uns doch ein bisschen offener sein hier. Prävention beginnt damit, darüber zu reden. Und wir alle würden uns nicht so überfordert fühlen, wenn wir uns was einfangen.

Erfahrungsberichte, Sexuelle Gesundheit


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Anonym

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