Über ungelöste Konflikte reden

‚Wer ein Problem erkannt hat und nichts zur Lösung beiträgt. ist selber ein Teil des Problems.‘ Diesen Satz hatte ein früherer Vorgesetzter in fetten schwarzen Buchstaben über seinem Schreibtisch eingerahmt. Ich war unglaublich beeindruckt. Ja klar! Logisch! Überführt und entwaffnet! Man sattle mein kühnes Pferd und weise mir die Richtung! Die Welt braucht mich.

Das mir der Satz so gefällt, weil er in eine bereits bestehende Charaktereigenschaft spielt, ist mir erst viel, viel später aufgefallen. Zwischenzeitlich habe ich eine regelrechte Schneise gelöster Probleme hinterlassen. Und zwar nicht nur in Arbeitsblättern meiner Ausbildung, in der Installation meines Druckers, der Mechanik meines Motorrads, im Schach, im Haushalt, im Garten oder im Geschäft – sondern vor allem auch in meinen Beziehungen zu Freunden, Verwandten, Geliebten und mir selbst.

Für den Mensch mit dem Hammer,
sieht alles aus wie ein Nagel.

Nur, Arbeitsblätter und fehlende Druckertreiber sind tatsächlich und vergleichsweise einfach lösbare Dinge. Menschen sind da eher schwierig. Und, dass manche Probleme gar nicht gelöst werden müssen – oder schlimmer noch – nicht gelöst werden können, da stösst meine Vorstellungskraft regelmässig an ihre Grenzen. Was dazu führt, dass ich meine Lösungsbemühungen erst recht hochfahre. Und plötzlich wundere ich mich, dass scheinbar niemand mehr um mich herum ein Problem haben will. (Und ich fange an ernsthaft zu zweifeln, ob ich der einzige bin mit inneren Konflikten – dabei will nur niemand mehr mit mir reden.)

Und das ist nun wirklich ein Problem. Denn ich wünsche mir, dass die (von mir geliebten) Menschen frei sind, mit mir über ungelöste Probleme zu reden. Und i-n-s-b-e-s-o-n-d-e-r-e solche Probleme, die unsere Beziehung betreffen – ohne bereits an meiner Atmung ablesen zu können, dass ich plane ihren nächsten Nebensatz zu kapern. Um meine stolze Lösung zu präsentieren, die ich aus einigen Indizien und paar Bewertungen im herbeieilen zusammengesteckt habe.

Denn bereits mein Wunsch danach, ein Problem zu lösen, beeinträchtigt meine Fähigkeit zum zuhören. Ich beginne zu arbeiten bevor ich die Aufgabe verstanden habe. Ich selektiere, sammle, priorisiere, ordne, bewerte und verbinde. Und ich übersehe dabei, dass ich oft selber derjenige bin, der eine Lösung braucht – weil er das vermeintliche Problem nicht aushalten kann. Und noch schlimmer, ich hindere mich selber daran zu verstehen und zu lernen. Schade!

Also nochmal: Probleme sind Freunde, kein Futter. Sie wollen verstanden, respektiert und eingeladen werden. Erstmal kennen lernen, Interesse zeigen und den Hammer beiseite legen. Und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus.

Kommunikation


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Barry

Sucht fortlaufend herausfordernde bereichernde Erfahrungen, die den eigenen Horizont erweitern. Ist sich ziemlich sicher, dass Normen nur Erklärungshilfen und keine Gebrauchsanweisungen sind. Mag starken Kaffee in der Morgensonne, aufrichtige Menschen, schlaue Hörbücher, guten Sex und wie der Wind über grasige Landschaften zieht.