Un-fassbare Bedrohung

Ein Partner hat mir vor kurzem von seinem Date erzählt und seine sexuelle Begegnung beschrieben. Da habe ich aus Reflex kurz die Luft angehalten und mich innerlich darauf eingestellt meine Eifersucht zu verarbeiten. Aber diese ist – zu meinem Erstaunen – ausgeblieben. Ursache dazu war die Andersartigkeit seiner Erzählung: «Ich war unglaublich nervös», sagte er – «und sie auch. Kaum waren wir nackt, fühlte ich diese Unsicherheit, obwohl ich ja eigentlich weiss wie alles geht! Und ich habe mich darauf einlassen können – es war so unglaublich spannend, bereichernd und schön. Ich habe es sehr genossen und bin daran gewachsen. Und – ich freue mich, dir davon erzählen zu können.»

Wow! Entwaffnet. Bisher hatte ich die unbekannten Variablen einer ‚ich habe da jemanden getroffen‘ Erzählung selber abgefüllt – in der Regel mit meinen tiefsten Ängsten: Dann ist die Geliebte meines Partners schnell mal diese unfassbar erotische, selbstbewusste, intelligente und humorvolle Engelsgestalt – die mir meinen Partner wegnehmen und mein Leben zerstören will. (Und der Sex muss grandios, ekstatisch, supereinfach und endlos befriedigend gewesen sein.)

Aber diese Art der Erzählung gab mir so viele Anknüpfpunkte um der Begegnung einen Kontext zu geben. Ich habe meinen Partner darin wiedererkannt. Seine Unsicherheit, seine Hoffnung und seine Freude. Es war mir möglich Anteil zu nehmen, weil ich mich zuletzt selber darin erkannte – mit meinem eigenen Streben nach Lebendigkeit, Begegnung und Verbindung. Und es war mir möglich den Menschen darin zu sehen, den ich so sehr liebe und mich daran zu freuen, dass er sein Leben gestaltet und geniesst. Alles normale Menschen, die um ihr Glück ringen und auf der Suche nach dem guten Leben sind. Und mit normalen Menschen komme ich klar, da zähle ich mich ja selber dazu.

Können wir alle bitte öfters in dieser Art über Sex reden? Ich weiss, Sex ist ein etwas vorbelastetes Thema. Man erzählt in der Regel nicht davon wenn’s nicht läuft. Man prahlt damit, wenn’s mal gut geht. Die Attraktivität einer Person wird nicht selten an deren sexuellen Aktivität gemessen. Und wer heutzutage nicht aktiv ist oder seinen ach-so-orgasmischen-Sex nicht in vollen Zügen geniesst, mit dem stimmt wohl was nicht.

Das führt bisweilen dazu, dass ich meine eigenen sexuellen Erfahrungen etwas schönrede, schwierige Episoden weglasse oder zwischendurch gar auf Notlügen zurückgreife um mich nicht verletzbar zu machen. Dadurch beteilige ich mich aber am kollektiven Wahnsinn, dass Sex nicht den ganz normalen Regeln des Menschseins unterliegt. Denn obschon es etwas wahnsinnig schönes sein kann, solange ich selber ein Teil davon bin, sind Chaos, Angst, Ratlosigkeit und Fehlentscheide auch Teil davon – wie Verschmelzung, Ekstase und Orgasmen die mich aus meinem Körper entrücken.

Mir scheint wir haben es als Gesellschaft erreicht, dass Sex kaum mehr in den normalen Lebensalltag eingebunden werden kann. Und das erschwert den Menschen um uns herum, ihr eigenes Erleben einzuordnen und anzunehmen. Klar ist dann auch schnell Eifersucht und Neid vorhanden, wenn wir uns gegenseitig unsere Erfahrungen schönreden. Wir haben Sex dermassen in seiner Definition beschnitten und selten gemacht, dass er wie ein Diamant nur noch unter den Besten Umständen (und enorm hohem Druck) geformt werden kann. Wollen wir das?

Hier ist mein Beitrag zu einer anderen Gesprächskultur: Ich wandere gedanklich beim Sex immer mal wieder davon. Plane meinen Einkauf, das Studium oder denke gar an den netten Barista der mich kürzlich im Café angelacht hat. Zwischendurch frage ich mich, ob ich wohl meinem Partner sagen soll, dass er mir gerade den Kiefer ausrenkt oder das Schambein eindrückt, in seiner ekstatischen Jagd nach dem Orgasmus. Manchmal tue ich das auch, manchmal entscheide ich mich dagegen und gönne ihm seinen Endorphin Schub von ganzem Herzen. Manchmal bereue ich eine Stellung bereits 10 Sekunden nachdem ich diese selber initiiert habe. Fast immer bin ich ein bisschen überfordert, habe Lampenfieber, fühle mich wenig kompetent und frage mich fortlaufend ob ich es denn auch gut genug mache. Dann bin ich aber auch plötzlich wieder zurück in meinem Körper, verliere mein Raum- und Zeitgefühl, drücke meinem Partner die Luft ab, kratze seine Haut auf und ziehe ihn (viel zu fest) an den Haaren. Meine Hormone drehen durch, ich fühle mich innig verbunden, geliebt und reite eine orgasmische Welle nach der anderen. Es ist ein Wechselspiel der Gefühle. Eine Suche. Ein ausprobieren – irgendwie wie das ganze Leben auch.

Können wir nicht alle ein bisschen ehrlicher sein? Ich fühle mich nicht bedroht von einem Menschen der ebenfalls auf der Suche ist, der zwischendurch ratlos ist, dann wieder überzeugt, dann wieder suchend, dann wieder mutig. Diesen Menschen verstehe ich – den mag ich sogar. Ich gönne ihm das Beste! Ich fühle mich nicht bedroht von authentischen Menschen. Auch nicht, wenn diese intime Kontakte haben, mit einigen der feinsten Menschen die in mein eigenes Leben gestolpert sind.

Eifersucht, Erfahrungsberichte


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