Wenn man ansteckend ist

Das Jahr 2020 war ein bisschen verrückt für uns alle. Für viele ein schwieriges Jahr, zum Beispiel für Menschen in Fernbeziehungen (meine Mitbewohnerin hat ziemlich darunter gelitten ihren Partner im Ausland so lange nicht sehen zu können). Für mich war das Jahr eine Achterbahnfahrt sondergleichen. Kurz bevor Corona immer mehr ein Thema wurde und dann mit dem Lockdown einen ersten Höhepunkt erreichte, habe ich jemanden kennengelernt und – tadaaa – mich Hals über Kopf verliebt. Zum einen natürlich eher doof, wenn frisch Verliebte sich wegen des Lockdowns nicht sehen können, aber da kam noch eine ganz andere Sache hinzu. Und zwar: Dellwarzen. Oh Gott.

Es begann mit 2-3 vermeintlichen Pickeln am Po, die irgendwie nicht verschwinden wollten. Ich habe sie meinem Arzt gezeigt. Er meinte: Könnte Genitalherpes sein, oder Feigwarzen. Schwupps ist der Herpes-Abstrich gemacht. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht. Was bedeutet das? Mit welchen Konsequenzen muss ich rechnen? Und ausserdem: Google sagt, ich befinde mich am Abgrund meiner Gesundheit.

Ich versuchte mich nach Möglichkeit zu gedulden, bis das Testresultat da ist. Mein Arzt ruft an: Kein Herpes (PHU! Aber…?!). Ich gehe nochmal vorbei und bekomme eine ätzende Creme zur Behandlung von Feigwarzen. Wenn sie wirkt, sind es Feigwarzen. Wenn nicht, steht eine Gewebeprobe an. Soweit so gut.

Der Arzt erklärt mir, wie ich nun vorgehen muss. Ich muss die Creme alle 3 Tage über Nacht auf die (mittlerweile etwa 7) Stellen auftragen. Das muss sehr vorsichtig (mit Handschuhen und Wattestäbchen) aufgetragen werden, darf nicht auf andere Hautstellen gelangen und sollte dann mit Pflastern abgedeckt werden. Das Ganze soll 6 Wochen lang gemacht werden. In dieser Zeit: Kein Sex (Feigwarzen sind sehr ansteckend!). Ich dachte jetzt geht die Welt unter. Werde ich je wieder unbeschwert Sex haben können? Wird überhaupt noch jemand mit mir nahen Kontakt haben wollen? Ich war zumindest sehr froh, dass aufgrund des Lockdowns Kontakte stark eingeschränkt waren, so waren (sexuelle) Begegnungen bei mir eh aufs Minimum reduziert. Dennoch – irgendwann musste ich dann mit meiner neuen Liebschaft darüber sprechen – oder?

Da hockte ich also jeden dritten Abend in beinahe akrobatischen Verrenkungen vor meinem Spiegel und versuchte diese Stellen (war immer noch nicht klar, was das da unten überhaupt los ist) einzucremen. Morgens alle Pflaster ab, abduschen und mit juckenden Stellen den Tag bestreiten (die Creme war wirklich aggressiv).

Die Wärzchen gingen nicht weg. Nach einer Gewebsprobe (JA! MIR WURDE EIN STÜCK PO RAUSGESCHNITTEN! AUA!) war dann endlich klar, was da an mir blüht: Dellwarzen.

Eher blöd weil: Sehr ansteckend! Eher erleichternd weil: Nicht so wiederkehrend wie Feigwarzen und an sich nicht weiter gefährlich. Behandlung durch: 2-3 Sitzungen Vereisen (die Stellen werden mit einer sehr kalten Flüssigkeit berührt, sodass die Haut abstirbt und die Stellen so verschwinden). Zwischen dem Vereisen müssen jeweils 2 Wochen gewartet werden.

Der Lockdown war vorbei und es stand das erste Treffen mit meiner neuen Partnerin bevor. Ich habe mich selten so geschämt und hatte furchtbare Angst, dass sie mich jetzt abstossend findet oder mich gar nicht mehr anfassen möchte. Als die Katze dann endlich aus dem Sack war und ich bibbernd auf eine Antwort wartete, kam diese dann ganz anders als erwartet: «Oh okay, das tut mir leid. Wie geht es dir? Was bedeutet das für unseren Kontakt? Mit Handschuhen geht, oder? Na, dann nehmen wir eben Handschuhe! Wir machen das einfach so, wies sicher und für uns beide okay ist.»

What?! So einfach geht das? Ich war unglaublich erleichtert auf so viel Verständnis zu stossen. Ich fühlte mich ernstgenommen und liebevoll behandelt. Es folgten einige Wochen, in welchen ich mich mit meinen bestehenden Partner*innen und auch meiner neuen Partnerin auf eine Erkundungstour durch absolut-dellwarzenfriendly-safer-Sex machte. Handschuhe, Desinfektionsmittel, Dildos, Lecktücher – alles gar nicht so unsexy, wenn es als Selbstverständlichkeit und Herausforderung angeschaut wird. Und es macht kreativ! Ich habe ganz neue Erlebnisse gemacht, wurde auf neue Weisen berührt und wurde mit meinen Liebsten immer erfinderischer (ich weiss nicht, ob sonst je jemand meine Achselhöhle penetriert hätte – verrückt, oder?). Sex ist etwas viel Grösseres, Breiteres geworden, das viel mehr Möglichkeiten bietet als was ich bisher darunter verstand. Das war eine wunderschöne Erfahrung.

Neben meiner neuen Partnerin haben auch andere Menschen, mit welchen ich intim war, super auf meine Situation reagiert. «Okay, womit fühlst du dich wohl? Höschen anlassen? Super, machen wir. Darf ich drauffassen?» Das klingt jetzt alles ein bisschen banal und vielleicht auch unspektakulär, aber mir hat dieser lockere Umgang so viel bedeutet. Ich hatte mir so viele Sorgen gemacht und mich superunwohl in meiner Haut gefühlt. Diese lieben Menschen um mich herum haben mir geholfen zu verstehen, wie wichtig es ist, Geschlechtskrankheiten (oder von mir aus auch nur ein hundskommuner Scheidenpilz) zu normalisieren und darüber zu sprechen, als wäre es ein verstauchter Knöchel, alljährliche Kreuzschmerzen oder eine Bindehautentzündung. Es ist nun mal da und erinnert uns zudem daran, wie wichtig Safer Sex ist.

Das Vereisen war sehr schmerzhaft, die Abheilung aber unkompliziert und mittlerweile kann ich wieder (weiterhin geschützten) Sex haben, wie ich ihr vor diese Geschichte hatte. Das Ganze war ein bisschen ein Höllenritt und dennoch eine Erfahrung, an der ich sehr gewachsen bin. Und ich weiss: Ich habe die richtigen Menschen in meinem Leben Bett.

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