Wie wir lieben – Polyamorie

Wie wir lieben

Das Buch ist primär ein Sammelsurium von relativ schonungslosen Geschichten aus dem Leben verschiedener Menschen, die sich für einen nicht monogamen Lebensstil (mehr oder weniger bewusst) entscheiden. Dazwischen führt der Autor Friedemann Karig seine Überlegungen aus und stellt offene Fragen zu den Themen Eifersucht, Liebe, Treue oder Freiheit. Unterstützt werden seine Ausführungen von zitierten Songtexten, Aussagen von Künstler*innen, Facebook-Kommentaren oder der einen oder anderen wissenschaftlichen Statistik – letztere aber leider relativ frei interpretiert und teilweise ohne Quellenangabe.

Anfangs hatte ich die Hochs und Tiefs, Hoffnungen und Träume, Trennungen und Versöhnungen der geschilderten Beziehungen noch mit grossem Interesse verfolgt. (Ich habe das Buch sogar in die Sauna mitgenommen – will was heissen.) Spätestens nach einem Drittel des Buches fällt aber auf, dass alle Geschichten früher oder später in irgendeiner Form eskalieren, die Protagonist*innen ihre Hoffnungen loslassen müssen und vom unkontrollierbaren Strom des endlosen Beziehungsdramas fortgerissen werden.

Er führt dann auch im allerletzten Kapitel sein Fazit mit folgenden Worten an: ‚Haben Sie ein Happy-End erwartet?‘. Und folgert, dass aus seiner Sicht ein solches nicht möglich ist, solange wir uns in gesellschaftlichen und kulturellen Normen und Formen bewegen. Vielmehr sollen Beziehungen (sinnbildlich) jeden Tag wieder aufs neue gesucht und ausgehandelt werden. Die ‚offene Beziehung‘ an sich sei daher auch weniger auf die Beziehungsgrenzen bezogen, sondern auf den offenen Verlauf derselben.

Dieses Fazit füllt letztendlich knapp vier Seiten, nachdem mich Karig durch dreihundert Seiten teilweise eher unzusammenhängende Kapitel genötigt hat. Ich konnte mich letztendlich dem Eindruck nicht verwehren, dass er das Buch mit dem Fazit begonnen und danach die Geschichten entsprechend selektioniert und pointiert hat.

Ich mag Bücher die schonungslos sind. Ich mag Bücher die kritisch sind. Doch die hier gezeichnete ‚Realität‘ erschien mir nun doch etwas einseitig überzeichnet. Ich räume allerdings auch die Möglichkeit ein, dass ich selber eine zu unrealistische, romantische oder idealistische Erwartungen an Beziehungen habe. Vielleicht hat mich das Buch auch in einer Grundangst konfrontiert die mein Urteil nun färbt.

Nun denn, ich schliesse mich wohl am einfachsten dem auf der Rückseite abgedruckten Zitat von «die Zeit» an, dass sagt: Es ist wichtig, dass es ein Buch wie ‚wie wir lieben‘ gibt.

Friedemann Karig ist deutscher Autor und Moderator. Das Buch hat knapp 325 Seiten und ist 2017 erschienen.

Erfahrungsberichte, Unterhaltung


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Barry

Sucht fortlaufend herausfordernde bereichernde Erfahrungen, die den eigenen Horizont erweitern. Ist sich ziemlich sicher, dass Normen nur Erklärungshilfen und keine Gebrauchsanweisungen sind. Mag starken Kaffee in der Morgensonne, aufrichtige Menschen, schlaue Hörbücher, guten Sex und wie der Wind über grasige Landschaften zieht.

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